Nikolaus Gansterer: "Welten bauen“ (2009) _______________>>>_Download text
Text von Christiane Krejs anlässlich der Überreichung des Kunst- und Kulturpreises des Landes Niederösterreich 2009.
In konzentrischen Kreisen nähert sich Nikolaus Gansterer seinem Untersuchungsobjekt. Komplexe Versuchsanordnungen führen ihn Schritt für Schritt an die gestellte Thematik heran. Die Neugierde treibt ihn dazu, sich diverser wissenschaftlicher Methoden zu bedienen und sie für seine künstlerischen Arbeiten einzusetzen. Seine produzierten Ergebnisse sind nicht abstrakte Zahlen und Daten wie in der Wissenschaft. Nikolaus Gansterer „baut Welten“. Welten, die mit den Sinnen wahrnehmbar sind, die emotional bewegen und nicht Lösungen anbieten, sondern Fragen aufwerfen. Seine Experimente sind „Streitfelder“, wie er sagt. Sie sind offen für jegliche Interpretation und bearbeiten sozial-politische aber auch philosophische Themen. Niemals steht der Mensch selbst im Mittelpunkt, sondern immer das was er produziert, was ihn bewegt. Er sammelt akribisch die notwendigen Daten, registriert, zeichnet auf, kartografiert und deckt verborgene Zusammenhänge auf. Er bedient sich diverser künstlerischer Medien. Filigrane Zeichnungen, laborähnliche Installationen, Performances und Videoaufnahmen fokussieren seine Ideenstränge in großer ästhetischer Qualität. Seine Modelle stehen symbolhaft für die Vernetzung der Dinge. Nichts kann für sich alleine, isoliert existieren. Nur die Verbindungen schaffen Sinn. Vernetzt sind auch seine Arbeiten untereinander. Er bringt Teile von alten Projekten in neue ein, entwickelt sie weiter und findet neue Ergebnisse. Gansterers künstlerische Forschungen sind getragen von wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit und lassen doch viel hintergründigen Humor zu. Totes wird belebt wenn er ein Stillleben „aus der Stille holt“, es destilliert und zum duften bringt. Pflanzen werden „gut“ oder „böse“, je nachdem, ob sie mit Bachkantaten oder Death Metal Musik beschallt werden.
Nikolaus Gansterer legt in seinen künstlerischen Experimenten die den Dingen immanenten Vernetzungsstrukturen offen und decodiert, sinnlich wahrnehmbar, deren mögliche Verhältnisse von Zeichen und ihren Bezügen auf das untersuchte Objekt.
Theorien in den Raum stellen (2009)_______________>>>_Download text
Text von Franz Thalmair. Veröffentlicht in der Zeitung "Der Standard" am 26.10. 2009
Mit Zeichnungen und Performances bewegt sich Nikolaus Gansterer zwischen Kunst und Wissenschaft - Er verdichtet seine Arbeit zu angewandter Forschung
Ein Sofa mit dunkelrotem Samtüberwurf und eine Lehrtafel zur Vermittlung von Basiswissen mit dem Titel Tree of Knowledge (Metal): Sehr viel mehr befindet sich nicht in einem der beiden Arbeitsräume von Nikolaus Gansterers Wohnatelier. Es scheint sein Denkraum zu sein. Trotz großzügiger Räumlichkeiten sagt das Mitglied des Wiener Gemüseorchesters und des Instituts für transakustische Forschung: "Ich bräuchte einen zusätzlichen Raum, in dem ich meine Installationen aufbauen und auch stehen lassen kann." Im Proberaum des Instituts für transakustische Forschung geht das zwar, aber nach spätestens einer Woche muss alles wieder abgebaut werden.
Seinen Arbeitsprozess versteht der Absolvent der Klasse für Transmediale Kunst an der Angewandten als eine Art Gärungsprozess: "Ich bin ein Viel- und Parallelarbeiter", sagt er: "Dadurch befinde ich mich in einem permanenten Spannungszustand. Wenn ich es aber schaffe, diesen Druck zu katalysieren, kann ich ihn produktiv umwandeln. Mittlerweile habe ich zwar eine eigene Formensprache entwickelt, eigentlich bin ich aber mehr am Prozess interessiert, der zu dieser Formwerdung führt." Die von Gansterer verwendeten Formen, Medien und Materialien meandern zwischen Peformance, installativen Anordnungen und auch Künstlerbüchern, in oft längeren Experimenten arbeitet er auch mit Lebendorganismen und Pflanzen. "Es geht immer um Myzele - um Netzwerke", sagt er. Zahlreiche Referenzen auf bereits realisierte Kunstwerke kennzeichnen seinen Stil, eine Darstellungsform zieht sich wie ein roter Faden durch: die Zeichnung.
Manifeste Idee
Im Moment ist eine seiner grafischen Arbeiten im Technischen Museum Wien zu sehen. Für Memoseum (2009) hat er einige Nächte dort verbracht, um sich mit der Museumssammlung auseinanderzusetzen und sich mit ihrer Organisationsstruktur vertraut zu machen. "Ich habe mir die Frage gestellt, wie ich all die zahlreichen Inhalte und Objekte neu ordnen und dabei eigene Taxonomien entwerfen kann", sagt der Künstler. Mit Memoseum ist eine temporäre Neufassung dieses Orts der Erinnerung und des Vergessens entstanden: nach Farben, nach den Umraumungen der dort gezeigten Objekte, nach Denkfiguren, nach vergessenen Erfindungen, Kernthesen oder Gedankenstützen. Gansterer präsentiert seine Ergebnisse in Form hauchdünner Arbeitsblätter, die von den Besuchern in eigens dafür angefertigten Tragetasche mitgenommen - sozusagen gesammelt - werden können.
"In Memoseum versuche ich Ideen im Zustand ihrer Aushärtung zu zeigen", sagt der Künstler und erklärt so die einmal historische, dann wieder ideengeschichtliche, formale oder funktionelle, assoziative oder auch institutionsgeschichtliche Vorgehensweise bei der Umordnung der Sammlung. Sei es wie im Fall von Memoseum als einsame nächtliche Recherche, sei es in einem öffentlich zugänglichen Setting, Gansterer verbindet das Zeichnen und die Performance leichtfüßig miteinander: "Jede Zeichnung ist eine Form von Performance für mich, weil der Prozess des Erkennens, Denkens und Benennens hier in extrem verdichteter Form zum Vorschein kommt. Deshalb bin ich auch dazu übergegangen, live zu Zeichnen. Zeichen ist für mich Forschung im klassischen Sinn: man tastet sich langsam vor, experimentell, immer wieder von Neuem, schrittweise."
Universelle Matrix
Bis Ende November zeigt Nikolaus Gansterer bei der Ausstellung Urban Signs - Local Strategies eine Intervention im öffentlichen Raum des Wiener Pratersterns. Direkt auf den neuen schwarzen Verschalungen des Gleiskörpers am hinteren Bahnhofsausgang hat der Künstler The Urban Alphabet (2009) angebracht. Aus den städtebaulichen Grundformen internationaler Metropolen von A wie Amsterdam bis Z wie Ziguinchor im Senegal hat er durch Abstraktion von Stadtplänen Piktogramme entwickelt und in alphabetischer Reihenfolge angeordnet. Mit 26 dieser so genannten Urban Characters konstruiert er die Grundlage für eine globale Universalsprache, deren Morphologie sich aus urbanen Strukturen generiert.
"Im öffentlichen Raum muss man anders arbeiten als im Ausstellungsraum. The Urban Alphabet spricht in erster Linie Passanten im Vorbeigehen an. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, eine sehr kleine und schnelle Geste, sehr groß, ja fast überdimensional darzustellen." Die einzelnen Zeichen seines Alphabets präsentieren sich auf dem schwarzen Hintergrund, als hätte jemand mit Kreide seine Ideen auf einer Schultafel skizziert. The Urban Alphabet ist dabei aber nicht nur als Reflexion auf die Globalisierung zu verstehen, sondern kann ebenso als ironischer Kommentar auf den Ort der Präsentation, also den Praterstern und den teils übertrieben großen Nordbahnhof, gelesen werden.
Hypothetische Schablone
Gansterers Interesse an natur- und sozialwissenschaftlichen Fragen sowie ihre Verschränkung mit künstlerischer Formfindung manifestiert sich im Moment in der Arbeit an einem aufwendigen Künstlerbuch. Drawing a Hypothesis heißt das Werk, das im kommenden Frühjahr erscheinen wird und aus seiner Forschungsarbeit über die Diagrammatik der Zeichnung als Stipendiat an der Jan van Eyck Academie in Maastricht resultiert. "Für das Buch habe ich mir Diagramme angeeignet, sie gesammelt und archiviert - thematische Einschränkungen gab es dabei nicht", sagt Gansterer. Einzelne grafische Formen hat er aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und Wissenschaftern, Künstlern und Theoretikern aus unterschiedlichen Fachbereichen mit der Bitte vorgelegt, anhand der jeweiligen Form eine Hypothese zu entwickeln. Gansterer geht damit den umgekehrten Weg, nicht von der komplexen Sprache der Theorie zum Diagramm, sondern von der Abstraktion wieder zurück zur Sprache.
Das Layout des Buchs imitiert gängige Wissenschaftbücher. Ziel dieser Mimikry ist, dass Leser die im Buch formulierten Hypothesen auf den ersten Blick für bare Münze nehmen. "Die Hypothese ist eine Idee, die sich ja noch in einem flüssigen Zustand befindet bevor sie zu einer endgültigen These wird", behauptet der Künstler und zeigt sich fasziniert von der Frage, "wann genau die Idee eine Form annimmt, und wann diese Form schließlich zu Material wird. Mit dem Buch bewege ich mich in einem sehr frühen Stadium der Genese von Informationswerdung."
Nikolaus Gansterer begegnet in seiner Arbeit der Komplexität wissenschaftlicher und lebensweltlicher Systeme mit ebenso komplexen künstlerischen Anordnungen. Animiert von den sich netzwerkartig in unterschiedlichen Darstellungsformen visualisierten und wörtlich nach-gezeichneten Denkvorgängen des Künstlers, wird der Betrachter in die semantischen Zwischenräume einer modellhaft zu verstehenden Ideenwelt gesogen. "Hypothesen", so der Künstler abschließend, "machen spekulative und luftige Gedankenräume auf. Aus der Ideengeschichte kann man Schlüsse ziehen oder wie es auf Englisch so schön heißt: drawing conclusions." Seine Schlussfolgerungen stellt er zur allgemeinen Diskussion und die dazugehörigen Theorien gleichermaßen in den Raum. Forschungsarbeit an der Forschungsarbeit, oder Kunst als Grundlagenforschung.
Furniture Lore for the Drowsy.
Nikolaus Gansterer’s Hypnorama Reflex (2008)_______________>>>_Download text
Text by Dr. Lydia Marinelli
The chair is resting on a prosthesis to keep its seat in balance. Propped up with mangled books that have long since ceased to interest any reader, it stands in the midst of a scene of furniture ruins. Nikolaus Gansterer has diverted two pieces of Wittmann furniture from the production process and combined them in a setting that is easily recognizable as that of a psychoanalyst’s consulting room. A couch suitable for reclining is pushed together with an upholstered chair at its head, thus forming an insignia for research into unconscious processes. Since Freud, psychoanalysis has operated under a furnishing guideline, simple and iconic as that of hardly any other science, in which it unfolds its research and its curative effect. Through a combination of two pieces of furniture that can be realized in any living room, an unconventional perceptual situation is created, in which the gaze and the voice are disjoined and put together anew. This setting profits from the communicative functions accorded to the furnishings and their arrangement. The showroom of the furniture store behind outlines the communicational situation usually established by the placement of chairs and sofas in public and private living spaces: sofas, with chairs arranged around them, set the scene for a relaxed conversation with multiple vis-à-vis or are oriented toward a television set. The repositioning of couch and chair undertaken by the psychoanalyst’s office robs not only the speaker, but also the hearer, of the reassuring eye-to-eye contact that usually keeps a conversation in progress and in balance. Without visual contact, which can have a calming, confirming, correcting and controlling effect, the reclining analysand speaks to an invisible and also inaudible analyst.
The interior presented by Gansterer on a perforated stage in the display window of a furniture store is not content with merely borrowing the established furnishing conventions of a psychological discipline. The installation presents the cadavers of furniture that has been eviscerated, pierced and skinned on a stage that gives rise to the impression of the cluttered storeroom of a psychological research institute. Attempts to locate the scene in time are just as futile as those aiming to determine the exact nature of the therapeutic practices suggested by the objects. This junk room of science needs neither test subjects nor the scientists who might have thrown away its objects. The furnishings themselves, accoutered with corporeal attributes of their own, enter into communication with one another. In the dilapidated cushions, which lend an organic quality to the chair and couch, a system of pipes leading into the stage’s underground has been installed. The analyst’s chair communicates with the sofa as a commode via a sewer system linking the two pieces of furniture. A novel by the Dutch author Leon de Winter begins with the description of a psychoanalytic couch, which the protagonist, who is suffering under a shortage of success in life, believes is connected through a hole in the upholstery directly with the Amsterdam sewer. The dual function of the couch, which serves simultaneously as a therapeutic instrument and a toilet, makes it into a vehicle of self-searching that is at times uncanny, at times ironic, whereby it is associated with thoughts of decaying cadavers and abominable stench. In Gansterer’s sewer system, all such disgusting lines of thinking empty into a jar with white beans. The outrageousness of these visions, and the disparateness of the affect-laden imaginations by which they are fed, become clear in the bean jar. Excretion, as a body function, corresponds with an activity that is one of the fundamental practices of science: classification. The beans appear a second time, in a video on view in the Wittmann Lounge at the MUMOK: there black and white beans are being sorted by two hands according to color.
In its title, Gansterer’s work puts sleep in a viewing apparatus that borrows from the panoramas of the nineteenth century. Gansterer translates the nearly circular form of the display window in front of the Wittmann showroom into a situation plan for a stage panorama. Instead of offering a panoramic vista from a well situated central point, he puts an uncomfortable sleeping chamber under observation at one of Vienna’s most heavily trafficked intersections. When Roger Bastide began an investigation of the social significance of dreams in Brazil during the 1960s, he discovered that his colleagues from the field of sociology handled sleepers as if they were dead. Snubbed by the asocial retreat from the world taken by the sleeper, the sociologist simply denied his existence. For sleep and dream researchers, on the other hand, consciousness never sleeps entirely. Through techniques of self-observation and for observing others, the processes in operation in the state of sleep are registered. According to Freud, the power of censorship exerted by consciousness in a waking state is decreased in sleep. This also explains his affinity for the couch. The reclined position points toward the dream and the loss of control, but also toward a childlike dependence.
Beholders of Hypnorama Reflex are not granted an overview or the wide vista of a panorama. Their point of view is not above, rather below the stage, where the sewers and intravenous lines come together. The street and the adjacent building are transformed into an acoustic space that functions as a psychotechnological monitoring room. Headphones provide a prehistory of psychotherapy, in which the visions of hypnosis patients flare up between music sequences, composed in collaboration with Stefan Geissler, featuring the electronically processed sounds of the Jew’s harp and tuning fork, both instruments used by hypnotists to induce states bordering on sleep. Hypnosis fell out of favor in science, not on account of any deficiency in its efficacy, but because its effects were unpredictable, and because it was a practice that was difficult to distance from charlatans and popular amusements. In his work, Gansterer has on a number of occasions treated the research styles of scientists as aesthetic practices. In this cross between a carnival booth and an experimental setup cobbled together from the storerooms of psychological research, he whimsically and lucidly traces the exploration of the worlds of sleep nestled in the folds of a piece of upholstered furniture.
Lydia Marinelli
Sigmund Freud Foundation
Translation: Christopher Barber
Möbelkunde für Schläfrige
Nikolaus Gansterers „Hypnoramareflex“ (2008)_______________>>>_Download text
Text von Dr. Lydia Marinelli
Der Sessel steht auf einer Prothese, damit er seine Sitzfläche im Gleichgewicht halten kann. Aufgebockt mit zerfledderten Büchern, die längst schon keine Leser mehr gefunden haben, staffiert er eine Szene mit Möbelruinen aus. Nikolaus Gansterer hat zwei Wittmann-Möbel aus dem Produktionsprozess herausgenommen und sie zu einem Setting zusammengefügt, das leicht erkennbar die Ausstattung einer psychoanalytischen Praxis sein könnte. Eine als Liege taugliche Couch drängt sich zusammen mit einem Polstersessel an ihrem Kopfende als Insignie der Erforschung unbewusster Prozesse auf. Seit Freud verfügt die Psychoanalyse wie kaum eine andere Wissenschaft über eine so simple wie ikonisch wirkende Möblierungsregel, mit der sie ihre Forschungspraxis und ihre Wirkung entfaltet. Durch eine in jedem Wohnzimmer realisierbare Kombination von zwei Einrichtungsgegenständen wird eine eigenwillige Wahrnehmungssituation geschaffen, in der Blick und Stimme voneinander abgelöst und neu zusammengefügt werden. Dieses Setting profitiert von den kommunikativen Anteilen, die den Möbeln und ihren Aufstellungen zukommen. Der Schauraum des Möbelgeschäfts dahinter buchstabiert die Kommunikationssituationen durch, die durch Sessel und Sofa in öffentlichen und privaten Wohnräumen gebildet werden: Sofas, von Sesseln umrundet, machen Vorgaben für ein entspanntes Gespräch mit mehreren Vis-à-Vis oder lassen sich auf ein Fernsehgerät hin orientieren. Die Umstellung von Couch und Sessel, die die psychoanalytische Praxis vornimmt, raubt dem Sprecher, aber auch dem Zuhörer die Versicherung des Anblicks, die ein Gespräch in Gang und in Balance hält. Ohne Augenkontakt, der beruhigend, bestätigend, korrigierend und kontrollierend wirken kann, spricht der liegende Analysand zu einem nicht sichtbaren, ebenfalls nur hörbaren Analytiker.
Das Interieur, das Gansterer auf einer durchlöcherten Bühne im Schaukasten eines Möbelgeschäfts präsentiert, lässt es nicht mit den Anleihen an den etablierten Einrichtungskonventionen einer psychologischen Disziplin beruhen. Die Installation stellt Möbelkadaver auf, die ausgeweidet, durchlöchert und gehäutet eine Bühne ausstatten, die die Anmutung einer Rumpelkammer psychologischer Experimentalwissenschaften verbreitet. Zeitliche Zuordnungen lassen sich so wenig treffen wie genaue Zuordnungen zu therapeutischen Praktiken, die die Gegenstände dieses Hinterzimmers eines Forschungsinstituts suggerieren.
Diese Abstellkammer der Wissenschaften benötigt weder Probanden noch Wissenschafter, die die Gegenstände ausrangiert hätten, vielmehr treten die mit körperhaften Effekten ausgestatteten Möbel selbst in Kommunikation miteinander. In die aufgelöste, dem Sessel wie der Couch organische Qualitäten verleihende Polsterung ist ein Rohrsystem eingelassen, das in den Untergrund der Bühne führt. Der Analytikersessel kommuniziert mit dem Sofa in Form eines Leibstuhls, der direkt an ein die beiden verbindendes Kanalsystem angeschlossen ist. Ein Roman des niederländischen Autors Leon de Winter beginnt mit der Beschreibung einer psychoanalytischen Couch, von der ein an Erfolglosigkeit leidender Protagonist annimmt, sie sei durch ein Loch in der Polsterung direkt mit der Kanalisation Amsterdams verbunden. Die Doppelfunktion des Möbels, das gleichzeitig als therapeutisches Instrument und als Abort funktioniert, macht aus ihm ein bald unheimliches, bald ironisches Vehikel der Selbsterforschung, das sich mit Gedanken an Orte der zersetzenden Kadaver und des bestialischen Gestanks verbündet. All diese ekelerregenden Assoziationen münden bei Gansterers Kanalsystem in ein Glas mit weißen Bohnen. Die Unangemessenheit der Vorstellungen, die Disparatheit von affektgeladenen Imaginationen und Dingen, aus denen sie sich speisen, verdeutlicht sich in diesem kleinen Bohnenglas. Die körperlich gefasste Ausscheidung schließt sich mit einer Tätigkeit zusammen, die zu den grundlegenden wissenschaftlichen Aktivitäten gehört – dem Zuordnen. Die Bohnen tauchen in einem Video, das in der Wittmann-Lounge im MUMOK gezeigt wird, ein zweites Mal auf: Dort werden schwarze und weiße Bohnen von zwei Händen nach Farben sortiert.
Der Titel von Gansterers Arbeit spannt den Schlaf in eine Sehapparatur ein, die Anleihen an den Panoramen des 19. Jahrhunderts nimmt. Den nahezu kreisförmigen Grundriss der Schauvitrine vor dem Raum der Möbelfirma Wittmann übersetzt der Künstler in einen Situationsplan für ein Bühnenpanorama. Statt eines Rundumblicks von einem exponierten zentralen Punkt aus exponiert er an einem verkehrsumtosten Ort eine wenig bequeme Schlafstatt, die unter Observanz steht. Als Roger Bastide in den 1960er Jahren eine Untersuchung über die soziale Bedeutung von Träumen in Brasilien begann, musste er die Feststellung machen, dass Schlafende für seine Kollegen aus der Soziologie wie Tote behandelt wurden. Den asozialen Rückzug, den der Schläfer aus der gesellschaftlichen Welt unternimmt, erwiderte die brüskierte Soziologie damit, dass sie ihm einfach die Existenz absprach. Für die Schlaf- und Traumforscher wiederum schläft das Bewusstsein nie ganz. Mittels Selbst- und Fremdbeobachtungstechniken wurden die Vorgänge registriert, die in den weltabgewandten Schlafzustand auszeichnen. Laut Freud vermindert sich im Schlaf die Macht der Zensur, die das Bewusstsein im Wachzustand kontrolliert, was auch seine Affinität zu einem Liegemöbel erklärt. Die liegende Haltung weist in die Nähe des Traums, des Kontrollverlusts, aber auch einer kindlich aufgefassten Abhängigkeit.
Die Übersicht eines weitläufigen Panoramas wird dem Betrachter des „Hypnoramareflex“ nicht gewährt. Sein Standort liegt nicht oberhalb, sondern unterhalb der Bühne, wo sich die Kanäle und Tropffäden, die Flaschen speisen, treffen. Die Straße und das angrenzende Gebäude werden in einen Hörraum verwandelt, der wie ein psychotechnischer Abhörraum funktioniert. Kopfhörer liefern eine Vorgeschichte der Psychotherapie, in der Vorstellungsbilder von Hypnosepatienten aufblitzen zwischen gemeinsam mit Stefan Geissler komponierten Musiksequenzen aus den elektronisch verfremdeten Klängen von Maultrommel und Stimmgabel, beides Instrumente, die Hypnotiseure zur Erzeugung schlafähnlicher Zustände benutzten. In die Ungnade der Wissenschaft fiel die Hypnose, nicht weil sie nicht wirkte, sondern weil ihre Wirkung nicht genau absehbar war und sie als Praxis nicht von den Schaubühnen der Jahrmärkte abgegrenzt werden konnte. Gansterer hat in seinen Arbeiten mehrfach die Forschungsstile von Wissenschaftern als ästhetische Praxis begriffen. Mit seiner schaubudenartigen Experimentalanordnung aus den Rumpelkammern der Seelenkunde folgt er augenzwinkernd und luzide den Erkundungen der Schlafwelten, die sich in den Falten eines Polstermöbels eingenistet haben.
Lydia Marinelli
Sigmund Freud Privatstiftung, Wien
Nikolaus Gansterer.
About the Eden Experiment (2007) _______________>>>_Download text
Text by Sarah Cosulich Canarutto
Nikolaus Gansterer uses sound as primary material and trough performance, installation and drawing, moves in a territory on the border between art and science. More interested in the process of research than in final result, the artist investigates the connections between language and visual representation, between acoustics and image, between memory and communication.
Although Gansterer uses prevalently scientific methods, he creates works that question the dominant models and that remain open to multiple variables. The Eden Experiment is a composite installation that analyses the influence of music on living organisms. The Arabidopsis thaliana is a small plant, universally used as model in biology and genetics, that the artist exposes to two types of contrasting music: the classical sonority of Bach and the heavy metal. The viewer is also invited to approach the mini glass houses to listen to the music, thus becoming part of the experiment.
The interaction between various elements causes the work to evolve in an unpredictable way during the exhibition, without claiming any conclusion but encouraging instead a critical reflection on technology, genetics, nature and man.
Sarah Cosulich Canarutto / Curator / Villa Manin, Centre for Contemporary Art, Udine, Italy
Der Wechselschattenspeicher (2007) _______________>>>_Download text
Text von Dr. Walter Seidl
Nikolaus Gansterers künstlerischer Ansatz setzt sich mit der Sprache der Zeichnung und ihrer Übersetzbarkeit in räumliche Verhältnisse auseinander. Grafische Grundstrukturen werden in ihrer Wechselwirkung mit dem Umraum untersucht, um die zweidimensionalen Formen in einer dreidimensionalen Dimension aufzubrechen. In seiner Installation Wechselschattenspeicher im NÖ Forum beschäftigt sich Gansterer mit den ephemeren Qualitäten des Mediums Zeichnung, das in seiner meist nicht-farbigen bzw. ins Auge stechenden Erscheinungsform stets aus der Nähe betrachtet werden muss um eine genauere Lesart zu ermöglichen. Um dieses Phänomen herum verdichtet sich die Installation, die aus einer gefrästen Zeichnung an der Innenfassade des NÖ-Forums besteht und je nach Licht- und Schatteneinfall den BetrachterInnen eine holistische Wahrnehmung nur aus mehreren, zeitlich nacheinander eingenommenen Positionen ermöglicht. Diese Unterschiedlichkeit der Licht und Standortposition führt in Folge zu differenzierten Lesarten der Zeichnung, die zu einer lebendigen Matrix wechselnder Momente der Realität mutiert.
Was für Gansterers Arbeitsansatz als wesentlich gilt, ist jene Konstruktion eines Netzwerkes an Information, das sich etwa in den zusammengefügten Elementen der Rasterung innerhalb der Zeichnung wieder findet. Der sprachliche und gedankliche Konnex zu einem Wechselplattenspieler ermöglicht es schließlich, bei Gansterers Wechselschattenspeicher unterschiedliche Sphären von Raum und Zeit hintereinander wahrzunehmen und Stück für Stück die Möglichkeiten der Wahrnehmung auszutesten, wie es auch beim Hören mehrer Platten der Fall ist. Dadurch entsteht jene für Gansterer wesentliche Verbindung zur Musik, die im Werk des Künstlers eine ebenso wichtige Rolle spielt und für eine multisensorische, d.h. visuelle und auditive Kunstwahrnehmung plädiert. Der Schatten-Lichtraum wird in der für seine Erfahrung notwendigen zeitlichen Bedingtheit daher zu einem klanglichen Resonanzraum, der es erforderlich macht, Erinnerung zu speichern und in eine individuelle Lesbarkeit zu übertragen.
Willkommen in der „Synapsentankstelle“ (2003) _______________>>>_Download text
Eröffnungsrede von Vitus Weh zur Ausstellung von Nikolaus Gansterer in der Galerie 5020 Salzburg, den 12.11.2003
Falls Sie nicht wissen, was eine „Synapsentankstelle“ genau ist: Im Grunde ist jede gute Kunstausstellung, d.h. eine, die das Denken und die Kommunikation anregt, eine „Synapsentankstelle“. Denn Synapsen sind jene winzig kleinen Kupplungsstellen im Gehirn, über die alle unsere Denkprozesse abgewickelt werden. Und wenn Kunstausstellungen gut sind, dann rauschen wahre Transmitter-Fluten über diese Brückenköpfe der Wahrnehmung hinweg. Insofern hoffe ich, dass in dieser Ausstellung von Nikolaus Gansterer Ihre persönlichen Batterien kunstvoll neu geladen, ihre Transmitterreserven aufgetankt und die Aktionspotentiale Ihrer Synapsen ordentlich getestet werden.
Neben dieser allgemeingültigen Bedeutung hat „Synapsentankstelle“ auch einen gewollt technoiden Befremdungs-Effekt. Der Titel bereitet damit gut vor auf das in der Ausstellung konkret zu sehende: Alles in allem sehr befremdliche Dinge. Da gibt es zwei Styropor-Boxen mit Batterien darunter, eine Plateaulandschaft mit Sozialkonstellationen aus kleinen Figuren sowie eine ganze Wand mit empfindlich verspannten Gummiringerln und Zündköpfen. Die Situation vor Ort ähnelt mehr einem verlassenen Labor als einer konventionellen Kunstausstellung. Auch die Zeichnungen an den Wänden erinnern in ihrer Sprödigkeit und schwarz/weiß-Ästhetik eher an wissenschaftliche Illustrationen. Mit ihrer Feinheit und Beschriftung changieren sie zwischen soziologischen Karten, Tabellen mit Meßergebnissen und technischen Konstruktionszeichnungen. Nun sind die Installationen und Zeichnungen von Nikolaus Gansterer natürlich mehr assoziativ als wissenschaftlich streng und exakt, mehr ironisch als ernst. Vor allem aber sind sie nicht auf ein verwertbares Resultat ausgerichtet, sondern modellhaft. Die Modelle, die Nikolaus Gansterer uns hier zu Verfügung stellt, erlauben ein Durchexerzieren der heute gültigen wissenschaflichen Weltsicht. Und die sieht bei weitem nicht so bunt und saftig aus wie expressive Malerei, sondern eher „dünn“ und „durchscheinend“.
Diese „diagrammatische“ Sicht auf die Welt ist im wesentlichen eine Entdeckung des frühen 19. Jahrhunderts. Bereits damals begann sich die Greifbarkeit der Dinge zusehens zu verlieren: Je näher man sie mit analytischem Blick betrachtete, umso mehr begannen die Dinge substanziell zu schwinden. Paradigmatisch beschrieb der Neu-Kantianer Ernst Cassirer diesen Befund 1910 in seinem Buch Substanzbegriff und Funktionsbegriff. Seine These: "All unser Wissen, so vollendet es in sich selbst sein mag, liefert uns niemals die Gegenstände selbst, sondern nur Zeichen von ihnen und ihren wechselseitigen Beziehungen".
Cassirers philosophische Abhandlung reagierte damals auf die neuesten Überlegungen in der Naturwissenschaft. Der Experimentalphysiker Hermann von Helmholtz hatte den neuen Denkstil bereits um 1890 wie folgt formuliert: "Jede Eigenschaft oder Qualität eines Dinges ist in Wirklichkeit nichts anderes, als die Fähigkeit derselben, auf andere Dinge gewisse Wirkungen auszuüben. [...] Wenn aber, was wir Eigenschaft nennen, immer eine Beziehung zwischen zwei Dingen betrifft, so kann eine solche Wirkung natürlich nie allein von der Natur des einen Wirkenden abhängen, sondern sie besteht überhaupt nur in Beziehung auf und hängt ab von der Natur eines zweiten, auf welche gewirkt wird."
Unter wissenschaftlicher Perspektive lösten sich die Realitäten also auf in Bezugs- und Vektorensysteme ihrer Zwischenräume. Alles war plötzlich nur noch "Funktion". Während dem alltäglichen Eindruck die Objekte noch unkompliziert und substanziell erschienen, trat für die naturwissenschaftliche Erfahrung – und gleiches gilt seitdem für die Philosophie, Psychologie, Soziologie, Sprachwissenschaft usw. – an die Stelle der Identität die Relation. Oder – um es wieder mit dem Wort von Nikolaus Gansterer zu benennen: An die Stelle des Gehirns trat die Synapsentankstelle.